Hochsensibel durchs Leben

Mehr über mich

Es ist nicht leicht, als Hochsensibler in dieser Welt zu leben. Doch zu leben, ohne zu wissen, dass man hochsensibel ist, ist noch schwerer und kann freudlos, hoffnungslos, einsam und auch gefährlich werden.

Bis zu meinem 49. Lebensjahr meinte ich, seltsam und falsch zu sein. Da aber mein Gefühl mir oft was anderes sagte, war ich immer unsicher und zweifelte an meiner Persönlichkeit. Zum Zweifel und zur Unsicherheit gesellten sich dann noch die Gefühle, nicht geliebt zu werden und an vielem schuld zu sein.

Im Teenager- und jungen Erwachsenenalter wurden diese Gefühle so stark, dass ich anfing, mich zu hassen. Irgendwann suchte sich dann der Hass ein Ventil und ich begann, mich selber zu verletzen.

Im Gymnasium war ich fast immer überfordert von der Menge des Lernstoffes und des Arbeitstempos und geistig oft gar nicht wirklich anwesend. Ich denke, ich habe mich schon damals ganz intuitiv geschützt - nur leider ziemlich unproduktiv.

Schon als Kind liebte ich Sport und Musik und konnte mit
körperlicher Aktivität und Musizieren - diesmal auf produktive Art und Weise - etwas Druck abbauen, mich regenerieren und von der Reizüberflutung erholen. Aber die seelischen Verletzungen und das Gefühl, nicht verstanden zu werden, belasteten mich sehr. Umso wertvoller war für mich im Jahr 1999 die Erkenntnis, dass es kein Zufall ist, dass ich auf der Welt bin und es einen Schöpfer gibt, der mich liebt so wie ich bin. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich zwar noch nicht, dass es hochsensible Menschen gibt, aber es machte doch mein Leben leichter und lebenswerter. Von diesem Moment an durfte Gott mein Gott sein und mich durchs Leben führen, während er mich von diversen Süchten befreite.

Als ich dann 2015 von der Hochsensibilität erfuhr, war das für mich wie Weihnachten, Ostern und Geburtstag zusammen: einfach nur herrlich! Endlich konnte ich meine Gefühle und die Menschen um mich herum besser verstehen. Endlich wusste ich: ich bin nicht krank oder verkehrt, komisch oder seltsam, sondern einfach nur ein bißchen anders, nämlich hochsensibel: ein Mensch, der aufgrund der Andersartigkeit seines Nervensystems permanent überreizt ist und
regelmäßig Pausen zum Erholen braucht.

Ich fing an,
mir und anderen Grenzen zu setzen und lebte (und lebe auch heute noch) nach dem Motto: "Nur was ich schätze, kann ich schützen"!
Ich übelegte, was ich als Kind immer gern gemacht habe und was ich als Erwachsener gerne tue und begann, es in den Alltag zu integrieren. Wir holten uns Piet ins Haus. Ein damals 11jähriger Kater aus dem Tierheim - genauso hochsensibel wie meine Kinder und ich. Zum Piepen! Zwergkaninchen durften auch nicht fehlen. Und ein paar Fische. Jetzt war unser kleiner Zoo perfekt.
Dann wurde mir klar, dass ich dringend einen eigenen Raum brauche. "Reingehen, Türe zu und durchatmen"! Gott sei Dank konnten wir das möglich machen. Dieser Raum ist sehr hilfreich und tut mir immer wieder gut. Aber er ist im Keller und somit ziemlich dunkel. So kam ich Anfang 2020 nach einer kurzen Auszeit auf die Idee, mir in einer hellen Ecke im Wohnzimmer eine "Oase" zu schaffen (s.
hier ). Dafür brauchte es nicht viel und doch bewirkt sie sehr viel - Achtsamkeit und Selbstfürsorge. Oder mit anderen Worten: ausruhen, loslassen, freuen, traurig sein ...!

Noch heute schaue ich verstärkt auf meine körperlichen Bedürfnisse und stelle mir Fragen wie: Wie geht es mir gerade? Habe ich Hunger oder Durst? Ist mir kalt oder warm? Was brauche ich, damit es mir gut/besser geht?

Auch die Seele will versorgt sein. Was kann ich tun, damit sie nicht zu kurz kommt? Ein großer Schlüssel dazu ist die
Dankbarkeit . Wir können für so vieles dankbar sein, auch wenn es uns schlecht geht. Wir können dankbar sein für das, was wir (noch) alles machen können und was wir haben. Angefangen beim Leben selbst, dem Dach über dem Kopf, den Freunden, bis zu den "kleinen" alltäglichen Dingen.
Wir können z. B. dankbar sein für das Wasser. Wie genial ist denn das: wir brauchen nur den Wasserhahn aufzudrehen und schon kommt frisches Wasser raus.
Wenn wir anfangen, jeden Tag/Abend für 5 - 10 Dinge "DANKE" zu sagen oder - vielleicht singen Sie ja gerne - morgens ein "Danke-Lied" singen (z. B. dieses
hier ), dann werden wir merken, wie sich unsere Einstellung und unser Leben verändert.
Friedrich von Bodelschwingh sagte mal: "
Da wird es hell in unserem Leben, wo man für das Kleinste dankt. " Probieren Sie es doch mal aus!

Auch wenn wir die Hochsensibilität nicht wegtherapieren können und natürlicherweise immer wieder in unserer Lebensqualität eingeschränkt sind, können wir doch die
Stärken darin sehen (s. hochsensible Erwachsene ).

Ich wünsche Ihnen (und Ihren Kindern) von Herzen alles Gute auf Ihrem hochsensiblen Lebensweg. Und wenn Sie Hilfe brauchen, dann scheuen Sie sich nicht, mich zu kontaktieren.

Ihre Gabriele Stadler